Aus Sonne wird Eis

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Die Vereinigten Eisfabriken in Wien haben eine der größten innerstädtischen Fotovoltaikanlagen in Betrieb genommen. Täglich entsteht hier Energie für zwei Millionen Eiswürfel aus Sonnenkraft. Gekühlt werden dabei Lebensmittel und auch Blutplasma. Und zwar im großen Stil. In einem Grätzl der Brigittenau herrscht auch im Sommer sibirische Kälte. In den riesigen Hallen

der Wiener Eisfabriken wird Gefriergut für den Bedarf der gesamten Stadt gelagert. Tonnenweise warten hier Pommes, Gemüse, Eislutscher und vieles mehr auf die Auslieferung. Die ultimative Gefriertruhe für Wien wird aber auch von Pharmaunternehmen gebucht, die hier Blutplasma für die Medikamentenproduktion bei bitterkalten minus 30 Grad lagern. 

 

Bei Sonnenschein liefern die neuen Paneele der Vereinigten Eisfabriken in Wien täglich zwei Millionen Wattstunden zum Tiefkühlen. (Foto: Lukas Kirchmayer)

Zur Gründungszeit im 19. Jahrhundert wurden die Eisblöcke zur Lebensmittelkühlung noch aus der Donau geschnitten und mit 200 Pferde- und Ochsengespannen an die Betriebe ausgeliefert. Das Unternehmen war 1898 von Gewerbebetrieben, die für die Versorgung Wiens mit Lebensmitteln verantwortlich waren, als "Eisfabrik der Approvisionirungs-Gewerbe in Wien" gegründet worden, um Fleischer, Selcher und Gastwirte mit Natur- und Kunsteis zu beliefert. Eisblöcke im Format von 100 mal 50 mal 50 Zentimeter werden heute nur noch auf Bestellung für Events, Eiskünstler und auch private Eisbars erzeugt. Die Kälte wird jetzt ausschließlich elektrisch, mit hocheffizienten Maschinen hergestellt und in bestens isolierte Hallen geleitet. Auch wenn das Coronavirus in der Kommunikation die gegenwärtigen Umweltprobleme überlagere, so seien diese nicht vom Tisch, so die Eisfabriken. Das Sonnenkraftwerk der jüngsten Generation leistet nun ab sofort einen nachhaltigen Umweltbeitrag. „Die bei uns gelagerten Tiefkühlprodukte werden auf diese Weise ein Stück weit ökologischer. Und das Gute daran ist, dass sich der Umweltschutz auch wirtschaftlich rechnet. Die aus der Sonne gewonnene Kälte macht deshalb doppelt Sinn“, argumentiert Wolfgang Caspar, Obmann der Genossenschaft, überzeugend.

Was kann man sich unter zwei Megawattstunden Energie pro Tag vorstellen, die das Fotovoltaikkraftwerk bei Sonnenschein erzeugt? „Wir haben das in einige faszinierende Bilder umgerechnet“, zeigt sich der Geschäftsführer Roland Spitzhirn erfreut: „Rechnerisch geht sich für jede Wienerin und jeden Wiener täglich mehr als ein eigener Eiswürfel aus.“ Immerhin könnten mit der Sonnenkraft vom Dach der Wiener Eisfabrik auch rund 10.000 Haushalte einen modernen Kühlschrank betreiben. Ein anderer Vergleich abseits von Kälte und Eis: Mit derselben Energiemenge rollen beispielsweise 50 Teslas an einem Tag von Wien nach Graz. Wer in seinem Betrieb nicht genügend Lagerplatz hat, kann also in den Eisfabriken seine Waren und Produkte lagern und mit „der Sonne kühlen lassen“. Das Angebot in den kühlen Hallen von Brigittenau richtet sich insgesamt aber an Handelsunternehmen und Lebensmittel- bzw. Pharmaproduktionsbetriebe. In den ersten drei Wochen bereits 15 Tonnen CO2 eingespart.

 

Sibirische Kälte in der Brigittenau: Bei bis zu minus 30 Grad Celsius lagern hier Blutplasma zur Medikamentenerzeugung sowie Lebensmittel.(Foto: Katharina Schiffl)

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